Bauhistorische Bedeutung

Gastbeitrag von Ulrich Gietzen zur bauhistorischen Bedeutung des Bahnhofsgebäudes

Foto: Historische Postkarte,Sammlung Ulrich Gietzen

Der Inselbahnhof auf Juist, erbaut von 1937 bis 1938, befindet sich am südlichen Rand des Hauptdorfes und begrenzt den sogenannten Kurplatz als dazu längs ausgerichteter Baukörper zum Wattenmeer hin. Eine mit einer niedrigen Mauer begrenzte großflächige Terrasse, die etwa einen Drittel des gesamten Baugrundes ausmacht, schließt das Ensemble auf der Ostseite ab. Die Südostecke wird durch einen Uhrenturm akzentuiert.

Foto: Historische Luftbild-Postkarte,Sammlung Ulrich Gietzen

Aus der Draufsicht erkennt man im Grundriss den Aufbau des eingeschossigen Baus in seinen ursprünglich drei Funktionsbereichen: Gaststätte, Durchgangs-Halle und Lagerbereich.

Der Nord-Süd ausgerichtete Gebäudeteil ist zum Kurplatz hin halbrund abgeschlossen und an drei Seiten über längsgeteilte Fenster zum Watt, zur Terrasse und zum Kurplatz geöffnet.

Hallen- und Lagerbereich sind mit einem sehr flachen Walmdach in Ost-West-Ausrichtung gedeckt, das Walmdach des Gaststättenbereichs schließt zum Kurplatz mit einem ebenfalls kaum sichtbaren halben Kegeldach ab – von der Betrachterebene her erscheint die Dachlandschaft eher wie aus Flach- bzw. Pultdächern zusammengesetzt.

Die horizontale Akzentuierung der Architektur wird durch den breitgelagerten Längsbau und den flachen Dachabschluss verstärkt. Weiter unterstrichen wird die Horizontalität durch die Backsteinbänder der Fassade, die Treppenanlagen an der Nord-, Süd- und Ostseite und die Fenstergestaltung. Die an der Ostseite angelagerte Terrasse setzt die Horizontalität des Baus in die umgebende Landschaft fort – Die gesamte Anlage fügt sich so in die bestimmende Inseltopographie mit Meeres-, Dünen- und Strandlinien ein.

Foto: Ulrich Gietzen

Das Backsteinmauerwerk der Fassaden ist in unterschiedlichen Verbänden strukturiert. Besonders gut erkennbar ist der ursprüngliche Aufbau am Baukörper der Gaststätte: Hier wechseln sich reine Läuferschichten mit Läufer-Binderschichten ab, wobei die horizontalen Fugen weiß hervorgehoben sind. Lediglich die Fensterstürze und -bänke sind vertikal gemauert. Diese Art der Mauerung und Verfugung findet sich ebenfalls am zur gleichen Zeit entstandenen, zum Inselbahnhof gehörigen Lokschuppen und an der einige Jahre früher erbauten „Inselburg“ von Bruno Ahrends im Loog.

Foto: Ulrich Gietzen

Der leider bisher nicht bekannte Architekt des Inselbahnhofs setzte im Mauerwerk der Gaststätte einen auffälligen, bis heute erhaltenen dekorativen Akzent:

Foto: Ulrich Gietzen

Die Mauerbereiche unter den Fenstern des halbrunden Abschlusses der Gaststätte sind im reinen Binderverband erstellt und jeweils mittig unter jedem Fenster mit je zwei Backsteinen über zwei Reihen so gemauert, dass sie als Spitzen über die Binderseite aus der Fassade herausragen.

Foto: Küstenmuseum Insel Juist, Ausstellung zur Inselbahn

Umbauten der Nachkriegszeit veränderten den Fassadenaufbau des Längsbaus zum Kurplatz hin - der ehemalige Haupteingang der Fahrgasthalle wurde zwischen den Backsteinpfeilern geschlossen und zur Westseite hin um zwei Achsen verschmälert, da der Baukörper der Lagerhalle in der Breite vergrößert wurde.

Mit dem Umbau des Lagerhallenbereiches wurde die Fassadengestaltung in diesem Bereich stark verändert. In dem durch die Verbreiterung neu entstandenen Fassadenteil wurde im oberen Drittel ein Fensterband eingesetzt, das erste Hallentor mit einem vergrößerten Treppenvorbau zu einem weiteren Eingang umgestaltet, das westlich liegende Hallentor wurde geschlossen und ein Zwillings-Fenster ergänzt.

Alle diese Umbauten nahmen aber die ursprünglichen Bauformen in der Formensprache wieder auf und selbst bei veränderten Elementen wie z.B. dem horizontalen Fensterband griff man auf inseltypische Formen (Lokschuppen/Inselburg) zurück.

Die Einmaligkeit des ehemaligen Inselbahnhofes ergibt sich aus der Umsetzung der Ansprüche seiner Lage, seiner städtebaulichen Einbindung und seiner Funktionen.

Ein Gebäude, dem es gelingt, gleichermaßen gestalterisch gelungen in die Kurarchitektur eines am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts weiter aufstrebenden Badeortes einbezogen zu sein, den Kurplatz bewusst als eingeschossiges Gebäude im Ausblick zum Wattenmeer offen zu halten und über die damalige Funktionszuordnung seiner Baukörper Ort der Ankunft und Abreise, logistischer Mittelpunkt der Insel und gastronomischer Freuden in einem Komplex zu sein, lässt sich so in keiner Form mehr in Deutschland finden.

Die heutige Bedeutung des Gebäudes beschränkt sich somit nicht auf seine Architektur – unabhängig davon, dass es durch veränderte Nutzung mehrfach Veränderung erfahren musste, stellt das Bahnhofsgebäude bis heute ein solitäres Beispiel hochwertig gestalteter Funktionsarchitektur der frühen Moderne und der aufstrebenden Kur- und Bäderarchitektur der Zwischenkriegszeit dar.